CTRL- space

By nielsbonde, 13th October 2001

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Rhetorik der Überwachung Von Bentham bis Big Brother

Beschreibung
Im Jahr 1785 machte sich der britische Philosoph Jeremy Bentham (1748-1832), der Begründer des ethischen Utilitarismus, an den Entwurf eines Gefängnismodells, das er Panopticon nannte. Das Neue an diesem Bau war, dass sich von einem zentralem Turm aus alle Insassen beobachten ließen, diese jedoch nicht in den Turm hinein sehen konnten. Da die Gefangenen deswegen nie mit Sicherheit wissen konnten, ob sie tatsächlich überwacht werden, wurde hier die tatsächliche Überwachung durch die Möglichkeit des Überwachtwerdens ersetzt. Als Rationalist hoffte Bentham, dass die Delinquenten deswegen den Kontrollblick verinnerlichen und so vor Straftaten zurückschrecken würden. Er verstand das panoptische Prinzip, in dem Macht sich selbst durch räumliche Struktur ausdrückt, als Beitrag zur Erziehung der Menschheit im Sinne der Aufklärung.
Das Panopticon galt lange als umstrittenes Thema theoretischer wie politischer Debatten. 1975 führte der französische Philosoph Michel Foucault es wieder in die zeitgenössische kultursoziologische Diskussion ein. In seinen Untersuchungen zur »Disziplinargesellschaft« diente ihm das Panopticon als exemplarisches Modell, um die Wirkung von Macht zu veranschaulichen und seitdem ist es zum Synonym für das Arsenal an Überwachungskulturen und -praktiken geworden, die unser heutiges Leben bestimmen. Wenn wir zögern eine rote Ampel zu überfahren, weil auf der anderen Seite der Kreuzung ein schwarzer Kasten steht, und wir nicht wissen, ob er eine Radaranlage enthält, aber die Möglichkeit dessen annehmen müssen, dann verhalten wir uns genau entsprechend der eben geschilderten panoptischen Logik.Angeregt durch die beunruhigende und zunehmende Präsenz von Überwachungssystemen in unserem Alltag, widmet sich die interdisziplinär ausgerichtete Ausstellung »CTRL [Space]« der ganzen Bandbreite sozialer Kontrollmechanismen, die die »panoptischen« Künste zu Beginn des 21. Jahrhunderts aufzubieten haben. Dazu zählen die eher traditionellen Visualisierungs- und Suchtechnologien ebenso wie die zumeist unsichtbaren, aber unendlich machtvolleren Techniken, die unter den Begriff »dataveillance« [Datenüberwachung] fallen. Angesichts der Tatsache, dass für die Genealogie der Überwachung ein Architekturentwurf zentral ist, liegt das Augenmerk der Ausstellung auf den komplexen Beziehungen zwischen Konstruktion und Macht, zwischen Darstellung und Subjektivität, zwischen Archiv und Unterdrückung. Wenn im 18. Jahrhundert eine Zeichnung zum Modell eines gesamten Machtregimes werden konnte, dann stellt sich die Frage, in welchem Maße dieses Regime (wenn überhaupt) durch Veränderungen innerhalb der vorherrschenden Darstellungspraktiken modifiziert wird. Was geschieht, um es anders zu formulieren, wenn wir das Panopticon unter Hinweis auf neueste infrarot-, wärme- oder satellitengestützte Visualisierungstechnologien überdenken? Worin liegen die soziologischen und politischen Konsequenzen für eine Überwachungsgesellschaft, wenn sich die Logik der Datenerfassung und -akkumulation nicht länger im phänomenalen Bereich abspielt? Kann man von einer Geschichte der Überwachung sprechen und, falls das so ist, in welcher Weise haben sich die zeitgenössischen Praktiken, aber auch Haltungen gegenüber der Überwachung geändert?Diese und andere Schlüsselfragen, die Überwachung in ihren Praktiken und Transformationen, aber auch als Erfahrung ansprechen, wurden nicht nur von SoziologInnen, PolitikwissenschaftlerInnen und PhilosophInnen, sondern auch von SchriftstellerInnen (man denke nur an Orwells »1984«) und besonders von KünstlerInnen gestellt. Die Liste ist beeindruckend: Beginnend von Vito Acconcis Verfolgungs-Performances oder Andy Warhols Experimenten mit »Echtzeit« und frühem »Closed-Circuit-Video« in den 1960er Jahren, Bruce Naumans Videokorridoren, Dan Grahams »Time Delay Room« und Rem Koolhaas’ »Project for the Renovation of a Panoptic Prison« in den 1970er Jahren, Sophie Calles Dokumentation der beauftragten Überwachung ihrer eignen Person und Michael Kliers inzwischen klassischer Kompilation von gefundenem Überwachungsmaterial in seinem Film »Der Riese« in den 1980ern, Thomas Ruffs Nachtfotos, verschiedenen Installationen von Diller & Scofidio, den ironischen Überwachungspraktiken des Bureau of Inverse Technology bis hin zur Dokumentation öffentlicher Überwachungskameras durch Frank Thiel und dem systematischen Aufspüren solcher Kameras in Manhatten vom »New York Surveillance Camera Project« in den 1990ern, Laura Kurgans Neuverwendung von Satellitenaufnahmen, die nicht mehr der Geheimhaltungspflicht unterliegen, oder dem Internetprojekt »we live in public« von Josh Harris im Jahr 2000 unter den Bedingungen einer unablässigen Echtzeit-Überwachung. Man erkennt leicht, dass die Thematik des panoptischen Blicks alles andere als neu ist, auch wenn sie für die aktuelle kulturelle Produktion in immer stärkerem Maß relevant wird. Umso mehr fällt auf, dass sich, von einigen kleineren Ausstellungsprojekten abgesehen, bisher nie ein Museum zu einer systematischen Überblicksausstellung dieser wichtigen Materie entschlossen hat.
Um die Entwicklungen zu begreifen, die sich im ungebrochenen »Soap-Panoptizismus« des globalen TV-Phänomens »Big Brother« oder im Paradigma des sogenanntem »Reality-TV« mit seiner Emphase auf Echtzeit abbilden, gar nicht zu reden vom dramatischen Anstieg an Überwachungsszenarien, die als Thema, aber auch als narrative Struktur eine Vielzahl heutiger Filmproduktionen (beispielsweise »The Truman Show« oder »Enemy of the State«) prägen, ist es notwendig, dass wir uns der Geschichte des kritischen, kreativen Umgangs mit panoptischen Phänomenen bewusst werden. Um die wechselnde Beziehung zwischen Überwachungspraktiken und den jeweils dominanten Logiken der Darstellung zu veranschaulichen, bietet »CRTL [Space]« sowohl einen aktuellen Überblick über das Phänomen des Panoptizismus in Architektur, digitaler Kultur, Video, Malerei, Fotografie, Konzeptkunst, Kino, Installationskunst, Fernsehen, roboter- und satellitengestützten Visualisierungstechniken wie eine Aufarbeitung der weitgehend unbekannten Geschichte von Versuchen, diese Logiken kritisch und kreativ zu untersuchen.Mit einer Ausstellungsstruktur, die sich ihrerseits auf verschiedene Suchsysteme stützt, verspricht »CTRL [Space]« Erfahrungen zu vermitteln, die zugleich faszinieren, Befürchtungen wecken und aufklären. Letzteres scheint besonders wichtig, da das philosophische Projekt der Aufklärung selbst den gleichen Namen trägt wie die Überwachung aus dem Luftraum.